Tibet / China (21.4. – 9.5.2011)

Nun, die Chinesen machen es wirklich spannend mit der Visaerteilung… am Freitagabend um 18 Uhr halten wir unser Gruppenvisum endlich in unseren Händen und am nächsten Tag geht‘s los an die Grenze! Am Sonntagmorgen finden sich alle 5 Fahrzeuge pünktlich an der Nepali-Grenze ein und die Grenzformalitäten werden zügig erledigt und binnen einer halben Stunde sind wir aus Nepal raus….- und stehen auf der „Freundschafts-brücke“ über den Sunkosi-Fluss, der die Grenze zu China bildet.Und bleiben da erst mal 4 Stunden stehen, weil die Chinesen (mit Zeitverschiebung) gerade ihre Mittagspause haben! In der Zwischenzeit lernen wir Wang Chuk, unseren Tibet – Führer kennen. Er wirkt etwas gestresst, er habe erst vor 2 Tagen in Lhasa von unserer Gruppe erfahren und erst heute morgen früh hier angekommen; viel zu kurzfristig um allen Papierkram zu erledigen und ausserdem sei heute Sonntag die Zollabfertigung sowieso geschlossen…. Tja, genau das also, was wir im Vorfeld abzuklären versucht hatten und was unsere Agentur stets verneint hatte, die könnte ein Problem sein!

Aber Wang Chuk erreicht immerhin, dass wir mit unseren Autos durch die Desinfektionsanlage (!) und die Gepäckinspektion (inkl. Beschlagnahmung von Tibetbüchern!) durchkommen und bis nach Zhangmu, den Grenzort, fahren dürfen, wo wir die Autos im Hinterhof eines Hotels parkieren.

Dass sie dort dann für 2 Tage stehen bleiben würden, wissen wir zu dem Zeitpunkt ja glücklicherweise noch nicht… 😉 dabei fehlt eigentlich nur noch die Unterschrift eines Polizeioffiziers in Lhasa, der aber irgendwie unauffindbar ist oder irgendwo in einem Meeting… und da die Chinesischen Beamten nur von 10 – 12 und von 15.30 – 18 Uhr arbeiten, werden unsere Nerven doch ziemlich strapaziert bis am Abend des dritten Tages dann endlich das OK zur Abfahrt kommt!

Aufgeregt nehmen wir den ersten Pass aufs Tibet-Plateau in Angriff, durch eine enge Schlucht windet sich die (exzellente) Strasse aus der grünen Vegetation Nepals hoch ins karge Bergland Tibets. Als wir in Nyalam (3200 müM) ankommen, wirbeln Schneeflocken durch den Wind! Wir bereiten uns auf die erste kalte Nacht vor… Am nächsten Morgen geht‘s weiter durch traumhafte Berglandschaften, wir sehen schneebedeckte Gipfel, riesige Gletscher und haben tolle Aussichten auf vegetationslose Flusstäler. Überall wehen tibetische Gebetsfahnen auf den Häusern, über Brücken und Passübergängen, sie bringen Farbe in die ansonsten in Grau und Braun gehaltenen Töne der Landschaft und Steinhäuser. Bald schon erreichen wir die nächsten Pässe, mit 4500 und 5200 müM lassen sie in uns ein benommenes Gefühl aufkommen, wir spüren einen Druck im Kopf und einigen wird es sogar übel. Mir nimmt es vor allem den Appetit, mich „gluschten“ nur noch Früchte und Joghurt die nächsten paar Tage…

In Shigatse müssen wir dann Führerscheine und Kontrollschilder machen; die Fahrer müssen einen Sehtest und die Autos einen Bremstest machen. Auch da zeigt sich die chinesische Bürokratie wieder von ihrer „besten“ Seite… schmieren hier und Geld-rüberschieben da… keines unserer Autos soll über ausreichende Bremsen verfügen, aber wenn jeder so etwa 8 SFr lockermachen würde….!

Zur Feier des Tages gehen wir alle ins Restaurant zum Mittagessen, kennen aber das chinesische System noch nicht und jeder bestellt sich etwas (gut, dass die Speisekarte Bilder hat…): jedes Gericht wird in die Mitte einer drehbaren Tischplatte gestellt und so kann jeder von jedem versuchen… jedes Gericht reicht aber für mindestens 2 Personen und so können wir nicht die Hälfte von all dem essen, was wir „Greenhorns“ bestellt haben! Gut, dass es trotzdem nur ca 6 SFr / Person kostet… – und in Zukunft lassen wir unseren Führer das Essen bestellen!

Hier besichtigen wir auch unser erstes tibetisches Kloster. Wir sind schwer beeindruckt von der tiefen Gläubigkeit und Frömmigkeit der Tibeter, die sich der chinesischen Obrigkeit durch ihren offen zur Schau getragenen Glauben widersetzen. Überall sehen wir Pilger mit Gebetstrommeln die Klöster umrunden und gar solche, die hunderte von Kilometern bis nach Lhasa pilgern und sich dabei alle drei Schritte ganz zu Boden werfen! Es herrscht eine tiefe Spiritualität hier oben in Tibet, ich fühle mich den Göttern wortwörtlich „näher“.

Auch in Gyantse stehen wir staunend vor den übergrossen Buddha-Statuen, „eingepackt“ in die hohen Tempelhäuser. Beeindruckend sind auch die Versammlungshäuser, wo sich die Mönche auf bunten Teppichen zu Meditation und Gesang einfinden. Heute leben vergleichsweise nur noch wenige Mönche in den Klöstern, früher lebten in den grossen Klosteranlagen zwischen 4- und 6-tausend dieser rotgewandeten, kahlgeschorener Mönche (es gibt übrigens auch Frauenmönche). Viele treten bereits im Kindesalter ein (das gewährleistet auch eine Art Schulung mit Unterkunft und Verpflegung bei grossen Familien), nicht alle bleiben aber ihr ganzes Leben Mönch. Heute sind viele Klöster wieder restauriert worden, nachdem sie durch die chinesische Invasion grosse Zerstörungen erfahren mussten. Viele empfinden dies als unecht und museumsartig, aber für uns herrscht doch in den meisten Klöstern noch viel Leben und wir treffen auch auf viele junge Mönche.

Nach einem Bummel über den reichen und faszinierenden (chinesischen) Gemüse- und Fleischmarkt (die traditionelle tibetische Küche kennt fast nur Kartoffeln, Yakbutter, Fleisch und Gerstenbrei) fahren wir über faszinierende Gebirgslandschaften zum Yamdrok-See, wo wir auch übernachten. Zuerst aber muss Kölbi noch einen im Schlamm festgefahrenen Bus aus unserer Reisegruppe „befreien“, was er wohl nicht ungern macht….

Wir sammeln trockenes Holz vom Seeufer zusammen (wie alt es wohl sein mag, wir sehen nirgends einen Strauch oder Baum…?!) und am Abend brennt ein gemütliches Lagerfeuer, das uns etwas gegen die Kälte hilft. Richtung Lhasa überqueren wir noch einen Pass, von wo wir atemberaubende Aussicht auf den See und die umliegenden Berge haben.

Bei der Einfahrt nach Lhasa erstaunt mich dann vor allem das Moderne, das „Chinesische“ dieser über lange Zeiten verbotenen Stadt für Nicht-Tibeter… die chinesische Politik der Unterwanderung der tibetischen Gesellschaft durch Han-Chinesen leistet hier ganze Arbeit, nur in der Altstadt findet sich noch ein kleiner Rest der Aura dieser alten tibetischen Königsstadt! Sonst aber dominieren breite Strassen mit modernen Geschäftshäusern, riesige Kreuzungen mit Lichtanlagen wie bei uns in Europa, viele Parks und gepflasterte Monumental-Plätze das Bild. Und überall sind Polizei und Militär auf Patrouille, Versammlungen sind strikt untersagt, nicht mal unsere 12-er Reisegruppe darf auf dem Klosterplatz zusammen stehen bleiben! Und Fotos darf man von ihnen auch nicht machen, sonst wird gleich die Kamera kontrolliert! Aber in einem unaufhörlichen Strom umrunden die Tibeter betend das Kloster, die Menschenmenge ist ständig in Bewegung und wir fangen manches Zwinkern und Lachen ein…. auch eine Art von Protestkundgebung! Mich faszinieren die vielen Charaktergesichter, gerade auch von den älteren Frauen.

Hier in Lhasa lernen wir auch Rick kennen, unseren neuen Reiseführer, der uns von hier weg begleiten wird. Er ist Han-Chinese, dessen Eltern während der Hungersnot der Kultur-revolutionszeit aus dem Osten Chinas nach Urumqi im Westen umgesiedelt sind. Rick hat viel Trekking- und Campingerfahrung und ist uns mit seiner unkomplizierten Art sofort symphatisch. Fast jeden Morgen und Abend isst er mit uns im Cruisie, da wir finden, dass es bei ihm im Zelt wohl viel zu kalt und ungemütlich dafür ist! Die nächsten Tage sind wir noch auf dem Tibet – Plateau unterwegs, stets auf über 4500 müM…. – und da wird es öfters bitterkalt sobald die Sonne weg ist. In der letzten Nacht frieren uns dann sogar im Auto noch die Wasserleitungen ein! Das ist sowieso ein wenig unser Pechtag, dieser 4. Mai… als nächstes entdeckt Kölbi einen schleichenden Platten, den er mit dem mitgebrachten Reifenreparaturset aber binnen einer Viertelstunde flicken kann. Bei der Mittagspause tropft Öl aus dem Zwischengetriebe… Verursacher ist (unglaublich, aber wahr!) eine tibetische Gebetsfahne, die sich vor ein paar Tagen um die hintere Antriebswelle gewickelt hat und inzwischen den Simmerring des Zwischengetriebes beschädigt hat! Da sieht man wieder einmal, wie mächtig solche Gebetsfahnen sein können….! Durch eine traumhaft schöne Schlucht windet sich die Strasse langsam runter bis nach Golmud auf 2850 müM, wo wir den Nachmittag dann mit dem Reparieren des Cruisies in einer Werkstatt verbringen. Gut, dass Toyota hier in China so stark vertreten ist, so treiben wir das nötige Ersatzteil innert kurzer Zeit auf und obwohl Kölbi starke Zweifel an der Qualität der vorhandenen Werkstätten hat, hält doch die Reparatur bis heute… 😉

Das Feierabendbier haben wir uns dann nach all dem Stress redlich verdient und dass wir dabei erst noch den ganzen Abend bei angenehmen Temperaturen draussen sitzen können, versöhnt uns wieder mit unserem „Unglückstag“….

Am nächsten Tag überrascht mich dann die Gruppe mit einem „Geburtstagskuchen“ samt Kerze während einem Halt unterwegs und alle singen mir ein „Happy Birthday“…! Auch kriege ich viele SMS und später, sobald wir wieder einmal Internet haben (etwas schwierig hier in China) auch noch viele Mails, DANKE!

Seit Lhasa sind wir jeden Tag sehr viele Stunden und Kilometer gefahren und mit all den verschiedenen Fahrzeugen und Gruppenteilnehmern prallen auch verschiedene Fahrstile, Reise-Geschwindigkeiten und Interessen aufeinander. Jetzt macht sich eine gewisse Müdigkeit unter uns allen bemerkbar. Gut, dass wir Tibet, wo die Reisefreiheit doch stärker eingeschränkt ist, jetzt verlassen haben und wir nicht mehr unbedingt alle zusammen fahren oder übernachten müssen. Das gibt uns mehr Freiraum so zu Reisen wie es jedem von uns entspricht und nimmt auch etwas Spannung aus der Reise-Gruppe…

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.