Pamir/Tajikistan und zurück nach Kirgisien (13.6. – 10.7.2011)

Über den 4332m hohen Kyzyl Art – Pass gelangen wir auf der alten russischen Grenzzstrasse, dem Pamir – Highway, nach Tajikistan. Unter dem Namen „Highway“ hätten wir eigentlich einen leicht besseren Strassenzustand erwartet… der Pass würde sich locker als Motocrosspiste eignen! Die Grenzformalitäten werden recht zügig erledigt und unser Auto wird sogar noch „desinfiziert“, aber angesichts der Handspritzpumpe des Zöllners vermute ich eher eine weitere Geldeinnahmequelle hinter der Aktion 😉 Irgendwann kommt Kölbi dann auch noch etwas aufgeregt mit einem Mafiosiähnlich aussehenden Zöllner zum Auto und deutet mir an, dass er ihn nicht so recht verstehe, aber dieser Zöllner scheinbar etwas Schmiergeld wolle… mit meinen wenigen inzwischen gelernten Brocken Russisch finde ich dann aber schnell raus, dass er uns anbietet Geld zu tauschen; worüber wir auch ganz froh sind, weil wir damit nachher die Desinfektion bezahlen können…

Wir fahren über ein dem Tibet ähnelndem Hochplateau an einem riesigen See vorbei, umgeben von schneeglitzernden Bergen, alle über fünftausend Meter hoch. Und bald darauf sehen wir zwei Radfahrer in der Ferne sich gegen den eisigen Wind abkämpfen: es sind Myriam und Marc, zwei Schweizer, die wir vor über drei Wochen in Kirgisien getroffen hatten. Wir wussten, dass sie den Pamir Highway fahren wollten, aber dass wir sie gleich am ersten Tag treffen würden, hätten wir nicht geglaubt! Wir fahren noch ein paar Kilometer und campieren dann zusammen, mit Schwatzen und Erzählen vergeht der Abend viel zu schnell. Am nächsten Morgen müssen wir dann als erstes einen Platten am Cruisie reparieren, wir haben ihn wohl schleichend eingefangen. Nach dem gemeinsamen Frühstück verabschieden wir uns dann von Myriam und Marc und wünschen ihnen viel „Schnauf“ für den folgenden, höchsten Pass des Pamirs: 4655 m hoch… der Cruisie schafft den natürlich locker und ich bin froh in dieser unwirtlichen Umgebung nicht mit all unserem Gepäck radeln zu müssen! Aber wir treffen in den folgenden Tagen immer wieder auf Velofahrer, viele sind Schweizer, irgendwie muss der Pamir Highway einen verlockenden Ruf haben… aber ich denke, dass er wirklich nur etwas für hartgesottene Velofahrer ist; sie müssen die ganze Campingausrüstung und Essen für mehrere Tage mit im Gepäck haben. Nachts gefriert es öfters und tagsüber bläst ein unangenehm kalter Wind aus Westen. Da haben wir es in unserem Fahrzeug doch bedeutend komfortabler!

Wir geniessen die atemberaubend schöne Landschaft und lassen uns am dritten Tag auf ein unvergessliches Abenteuer ein: wir nehmen eine der vielen abzweigenden Pisten und fahren aufs Geratewohl durch diese tolle Gegend! Unser GPS zeigt uns wohl die Berge und Täler an, aber keine Strasse mehr und so lassen wir uns von der ungefähren Richtung leiten und werden reich belohnt mit einer wunderbaren Strecke, die wohl nicht sehr häufig befahren wird: wir begegnen nur einem einzigen Auto. Wir fragen die wenigen Einheimischen, auf die wir treffen, nach dem Weg und werden dann meist gleich zum „Chai“, zum Tee eingeladen. Dazu gibt es immer Fladenbrot, Butter und Joghurt, also fast eine ganze Mahlzeit… dabei sind die Menschen hier oben sehr arm und trotzdem so extrem gastfreundlich! Wir gewöhnen uns an, ihnen wenigstens etwas abzukaufen, Brot oder Butter oder einmal gibt es sogar getrockneten Fisch, sodass wir nicht einfach gratis „reinhocken“. Die Männer weigern sich das angebotene Geld anzunehmen (Gesichtsverlust), aber die Frauen sind doch sehr dankbar für den Zustupf zur mageren Haushaltskasse!

An einem der tiefblauen Zorkul-Seen übernachten wir und am nächsten Morgen gehts weiter durch recht sumpfiges Gebiet. Wir folgen nun der afgahnischen Grenze, sehen aber nirgends einen bewachten Posten, nur Ruinen aus alten sowjetischen Zeiten. Die Piste wird immer schlechter und an einer Flussüberquerung suchen wir lange nach einer passierbaren Durchfahrt. Alle auffindbaren Spuren zeigen in eine Richtung, aber dort hat es eine dicke, teilweise eingebrochene Eis- und Schneedecke über dem Bach, der wir nicht trauen. Kölbi versucht sie schliesslich mit dem Cruisie runterzubrechen um durch den Bach zu kommen, übersieht dabei aber einen Stein und bleibt schliesslich in dem Loch dahinter stecken…. es geht weder vorwärts noch zurück!!! Nach kurzem Überlegen versuchen wir es mit dem Seilzug um einen grossen Stein: doch der Stein bewegt sich, nicht das Auto! Kölbis sorgenvolles Gesicht verheisst nichts Gutes… da hören wir in der Ferne ein Auto kommen! Wir sind halt doch Glückskinder!!! Das einzige Fahrzeug an diesem ganzen Tag kommt ausgerechnet in diesem Moment daher! Und es soll noch besser kommen: obwohl dieser Landcruiser tajikische Nummernschilder hat, sitzen zwei Schweizer drin: Annemarie aus dem Emmental arbeitet fürs DEZA in Dushanbe und Immanuel aus JENS (ca 15 km von meinem Dorf entfernt!!!) hat hier eben seinen Zivildienst geleistet…! Nachdem wir uns mit Hilfe ihres Cruisies aus unserer misslichen Lage befreit haben, feiern wir dieses glückliche Treffen mit einem ausgiebigen Picknick.

Frohgemut geht‘s dann weiter und als wir dann in Khargush an den Militärposten kommen bezahlen wir auch unser Permit nach, das wir für diese Strecke eigentlich gebraucht hätten. Annemarie hat unsdavon erzählt und auch von einer heissen Quelle in der Nähe von Bulunkul am See, wohin wir jetzt noch fahren wollen. Leider haben wir nicht mit der schlechten Strasse über den Khargush-Pass gerechnet, sodass wir nach stundenlanger Holperei und 20 km/h Geschwindigkeit froh sind, überhaupt in die Nähe von Bulunkul zu kommen und todmüde ins Bett fallen.

Bei der Erkundung der Gegend am nächsten Tag treffen wir bei einem Bauernhof zufällig wieder auf Myriam und Marc. Wir werden alle vier zum Tee hineingebeten und natürlich haben wir viel zu erzählen! Zum Abschied schenkt Kölbi dem netten Bauern nach einer kleineren Reparatur an Marcs Velo eines seiner Werkzeugsets und macht ihm damit ganz offensichtlich eine Riesenfreude. Wir aber wollen endlich zu den heissen Quellen und finden sie an einer einsamen Bucht am See. Einheimische haben ein richtiges Badehäuschen mit einer Badewanne installiert und wir sind sehr erstaunt, dass wir diesen schönen Platz nur mit den wärmesuchenden Fröschen und am Nachmittag mit drei Kindern teilen müssen! Nach einem Faulenzertag fühlen wir und gerüstet den Khargush-Pass ein zweites Mal in Angriff zu nehmen um zurück zum Vakhan-Korridor zu gelangen. Der Vakhan-Korridor verläuft entlang der afghanischen Grenze, nicht weit von Pakistan entfernt. Die Gegend und die Menschen erinnern uns stark an unsere Zeit am Karakorum-Highway mit dem Töff vor fast zwanzig Jahren. Kein Wunder, wir sind nur wenige Kilometer entfernt und die Menschen gehören auch hier dem Ismaelitischen Glauben an mit dem Aga Khan als ihrem Oberhaupt. Dieser engagiert sich stark für die Bildung und den Strassenbau in dieser Gegend und viele Hilfsprojekte laufen in seinem Namen. Die Frauen sind offener und selbstbewusster als in anderen moslemischen Gegenden und tragen auch nur ein leichtes Kopftuch. Viele Kinder und Jugendliche sprechen ein wenig Englisch und so ergeben sich immer wieder schöne Begegnungen.

Ein Tag bleibt uns besonders in Erinnerung, wenn auch aus einem anderen Grund: gefahren sind wir an diesem Tag nicht viele Kilometer, weil wir unterwegs immer wieder Velofahrern begegnet sind und dann mit ihnen Tee getrunken und stundenlang geplaudert haben! Von einigen wussten wir bereits von Myriam und Marc, dass sie uns begegnen würden, da sie mit diesen via Internet in Kontakt waren; andere wie den zwei Schweizern, von denen der eine meinen Cousin Housi kennt(!), waren zufällige, aber freudige Überraschungen. Und von allen erfährt man immer wieder etwas Neues, Interessantes! Diese Begegnungen sind die Würze in der „Alltagssuppe“ von uns Reisenden…

Je weiter wir dem Pandzh-Fluss ins Tal folgen, desto grüner wird die Landschaft, aber auch umso enger wird das Tal bis sich die Strasse zuweilen nur noch durch eine enge Felsenschlucht zwängt. Immer hat man den Blick auf die „andere“, die afghanischen Seite frei. Viele dieser Dörfer und einsamen Gehöfte sind nur über schwindelerregend steile Fuss- und Saumpfade mit dem Rest des Landes verbunden. Von einem unserer Übernachtungsplätze aus können wir das Leben auf einem dieser Gehöfte aus nächster Nähe miterleben. Die Frauen sind stark vermummt und auch die kleinen Kinder helfen auf dem Hof mit oder beim Schafe eintreiben. Offensichtlich ist eines der Tiere verloren gegangen und bis nach Sonnenuntergang suchen die Kinder es in einer steilen Felswand, so dass uns nur vom Zuschauen schon angst und bang wird!

In Khorog treffen wir dann wieder auf die „moderne“ Welt mit Internet und Bazaar, Touristen und es gibt auch zum ersten Mal wieder Diesel zum Tanken. Bei einem Mittagshalt stoppt auch ein englischer Landrover und wir kommen ins Gespräch mit Emily und Eric, die mit ihren polnischen Freunden in einem Landcruiser unterwegs sind. Der scheint allerdings grosse technische Probleme zu haben, unterwegs sei ihm ein Rad einfach weggebrochen…

Sie sind über die bekanntermassen schlechte Strasse via Kharubot-Pass gekommen. Wir aber wollen die südliche Strasse via Kulyab nehmen, die neu gebaut und gut sein soll… tja, ein Teil ist neu gebaut, aber der (grössere) Rest dazwischen ist in einem absolut lausigen Zustand oder Baustelle, sodass wir wieder einmal grösstenteils mit 20 km/h in der Gegend rumholpern…! Als wir nach zwei Tagen schliesslich Dushanbe, die Hauptstadt, erreichen, haben uns die Strasse und die hier herrschende Hitze ziemlich erledigt und wir sind froh in einem Guesthouse einfach ein wenig rumhängen zu können. Wir treffen auf andere Langzeitreisende und beim Schaschlik(Fleischspiesse)- und Laghman(Nudeln)-Essen und Quatschen vergeht die Zeit wie im Fluge. Unser Kirgisien-Visa erhalten wir tatsächlich „urgent“ (Eilservice), nämlich innert 30 Minuten und sind daher auch gerne bereit dafür das Doppelte zu bezahlen (siehe Uzbekistan-Visa im vorderen Artikel).

Von anderen Touristen hören wir nicht allzu viel Gutes über Uzbekistan und trauern diesem Land deshalb auch nicht gross nach. Schon gar nicht nach der eindrücklichen Zeit auf dem Pamir Highway, den wir als eines der absoluten Highlights unserer bisherigen Reise empfinden.

Für den Rückweg nach Kirgisien entscheiden wir uns für die nördliche Route via Khojand, die durchs (grenzmässig) verschachtelte Ferganatal führt. Stalin hat hier zu Sowjetzeiten mit der Grenzziehung zwischen Uzbekistan, Tajikistan und Kirgisien diesen Staaten wirklich einen Bärendienst erwiesen; wohl aus dem Kalkül heraus, dass je mehr diese Staaten untereinander Streit haben, desto weniger verbünden sie sich im Kampf gegen Moskau… und so zerstückelt die Grenze heute Volksgruppen und Verkehrswege, unterteilt Seen und Flüsse (hier wo Wasser solch ein (über-)lebenswichtiges Gut ist) und nimmt keine Rücksicht auf gewachsene Strukturen. Nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion sind diese Staaten dann auch als erstes aufeinander losgegangen und auch heute noch gibt es immer wieder Streitigkeiten und Scharmützel, wenn nicht gar Gemetzel unter den verschiedenen Volksgruppen. Dabei würde die unsinnige Grenzziehung gerade ein Zusammengehen und -arbeiten nahelegen, doch dagegen wehrt sich vor allem Uzbekistan vehement, das mit all seinen Nachbarn im Streit zu sein scheint, vor allem wegen seiner Meinung nach ungenügender Wasserzufuhr aus deren Gebieten…

Aber Radfahrer haben uns versichert, dass wir auch ohne uzbekisches Visum nach und durch kirgisisches Gebiet reisen könnten und so machen wir uns unbesorgt auf den Weg. Irgendwie scheint unsere Reisekarte in diesem Gebiet jedoch nicht ganz korrekt zu sein… es fängt damit an, dass wir laut GPS (Navigationssystem auf unserem I-Phone) die tajikisch-kirgisische Grenze längst überschritten haben müssen, aber es ist weit und breit kein Grenzposten zu sehen. Gut, die Strasse, die uns der hiesige Bäcker gezeigt hat, war schon etwas klein, eher wie ein Schleichweg… aufgeregt fangen wir an alle möglichen Leute nach der „Passport-Kontroll“ zu fragen, aber die zeigen alle ungerührt Richtung nächstgrösserer Stadt. Dort fragen wir auf dem Polizeirevier nach und die schicken uns südlich Richtung Grenze, wo sich die Strasse wiedereinmal ohne Richtungsweiser teilt… Nach langem Suchen und (über die Grenze) hin- und herfahren finden wir den Grenzposten schliesslich, aber jetzt kommen wir ja von der falschen Seite her! Kölbi ist ganz nervös deswegen, aber der Grenzbeamte stempelt unser Visa nach einigen Erklärungen unsererseits schliesslich mit „Entry“ ab, so dass wir zwar offiziell nicht aus Tajikistan ab-, aber immerhin in Kirgisien angemeldet sind. Unsere Irrfahrt ist damit aber noch lange nicht zu Ende. Immer wieder verfahren wir uns und müssen den Weg um Uzbekistan herum (das auch viele Enklaven in Kirgisien hat) erfragen. Mehr als einmal stehen wir wieder vor dem Grenzbaum… Kölbi kriegt schon eine richtige Grenzphobie;-)

Aber schliesslich schaffen wir es doch nach Osh, der südlichen Zentrumsstadt, und nach Geldwechsel, Internet und Bazaarbesuch geht‘s auf zu neuen Abenteuern. Wir wollen auf einer kleinen Strasse ins zentrale Berggebiet des Landes fahren. Diese war bei unserem ersten Besuch hier noch gesperrt gewesen, weil Schnee und Regen den Pass über diesen niederschlagsreichen Bergzug im Frühling unpassierbar machen. Doch jetzt ist die Piste geräumt und wir werden mit wunderbaren Ausblicken auf Berge und Täler belohnt. Zufällig treffen wir Emily und Eric wieder, weil die zwei sich immer wieder genau die gleichen Übernachtungsplätze aussuchen, wo wir schon stehen! Es sind interessante Menschen, polnisch-britische Künstler und Fotografen, und es ist schön mit ihnen die Abende zu verbringen. Wir fahren unabhängig voneinander die gleichen Strecken tagsüber und kommen gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus ob der grandiosen Landschaft… Kirgisien ist uns wirklich ans Herz gewachsen; obwohl ich ganz klar sagen muss, dass dies wohl nur für die Sommerzeit gilt, im Winter dürfte das Land im eisigen Griff Sibiriens sein, nichts für mich!! Aber allen Natur- und Bergliebhabern, die gerne in freier Natur campen und nichtasphaltierte, einsame Strassen lieben, sei dieses Land wärmstens empfohlen!

Als wir dann am Issik-Köl-See noch ein paar Tage ausspannen und die zwei und noch ihre polnischen Freunde (mit inzwischen in Bishkek repariertem Auto) auftauchen, gibt‘s ein grosses Hallo und einen unvergesslichen Abend am Feuer mit Kölbis Musik und Ireks Kognak…. ;-))

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