Russland: durch Sibirien… (1.8. – 28.8.2011)

Also die Grenzüberquerung nach Russland verläuft absolut unkompliziert und angenehm… – so gar nicht wie erwartet! Und die Strasse ist auch von recht guter Qualität. Aber es darf ja auch beim Reisen angenehme Überraschungen geben 😉

Wir fahren in einem grossen Bogen zurück Richtung Südosten um ins Altai, eine touristisch recht bekannte Bergregion an der Grenze zu China/Kasachstan und der Mongolei zu gelangen.

Und kriegen auf dem Weg zum Teleskoe-See einen ersten Eindruck von verlassenen, holprigen Schotterstrassen durch die sibirische Taiga: Birken- und Tannenwald im Sumpfgebiet. Beim Campieren am Fluss lernen wir dann auch gleich die hiesige Mücken- und Stechfliegenwelt kennen und kapitulieren nach kürzester Zeit durch Flucht in unser Auto… die juckenden Stiche erinnern uns noch tagelang an diese „Begegnung“ 😉 In der Nacht beginnt es zu regnen und bei trübem Wetter erreichen wir den See. Wir finden einen Stellplatz wo auch viele Russen campieren und haben schnell mal „Familienanschluss“. Wir erkunden zusammen einen nahen Wasserfall und verbringen einen gemütlichen, wenn auch etwas Vodkalastigen Abend am Lagerfeuer. Kölbis Musikanlage hilft zur gegenseitigen Verständigung: der russische Lehrer hat selbst auch eine grosse Musiksammlung dabei. Wir sind erstaunt, wie sehr wir alle die gleichen Songs mögen… – und vollends baff, als er uns sogar Florian Ast abspielt; nicht wissend, dass dies ein Schweizer Sänger ist!

Der nächste Tag begrüsst uns dann mit Dauerregen (alle) und Kopfweh (Kölbi und Max) 😉

Nach einer stärkenden russischen Shorpa (Suppe) verabschieden wir uns und machen beim Rausfahren, das sich übrigens als recht knifflig erweist, da der Campingplatz inzwischen unter Wasser steht und die Ausfahrt mit ihren tiefen Schlammlöchern manchem russischen Kleinwagen zum Verhängnis wird, die Bekanntschaft mit einem jungen, englischsprachigen Russen, der uns in sein Jugendcamp einlädt, wo eine deutsche Frau mit dabei sei. Sie ist Caritas – Beauftragte für Sibirien und erzählt uns in den folgenden Stunden viel Interessantes über Russland und seine Menschen. Sehr eindrücklich schildert sie das Alkoholproblem und seine gravierenden Folgen: Zerrüttung der Familien, Unzuverlässigkeit/Verdummung (scheint beim Vodka-Konsum besonders extrem zu sein) und Gesundheitsfolgen bis hin zur geringen Lebenserwartung von nur 57 Jahren bei den Männern. Das Leben gelte nicht viel in Russland, sagt sie. Sehr beeindruckt hat mich auch, wie sie das anhand der Wort-für-Wort Übersetzung vom russischen „ich verlasse Dich“ (= „ich werf Dich weg“) aufgezeigt hat…

Mit wechselhaftem Wetter fahren wir weiter ins Altai hinein, in das sehr touristische Katun-Tal nach Chemal, wo wir die russische Art von Bergtourismus erleben können (mit Lunapark, Seilpark und Kürzest-Wanderwegen mit Eintritt bezahlen…). Wir fahren weiter das Tal hoch um dem Rummel etwas zu entfliehen, vertrauen dabei wieder einmal unserer Computerkarte, die eine Abkürzung aus dem Tal raus anzeigt. Als wir vor einem sehr wenig befahrenen Wiesen- und Waldweg stehen werden wir doch etwas unschlüssig. Glücklicherweise (?) kommt ein Fahrzeug dahergerattert, sodass wir nach dem Weg fragen können. Diese Begegnung führt uns zu Kölbis Weisheit des Tages: Frage nie einen russischen Bauern nach dem Weg, wenn er auf einem Raupentraktor daherkommt….! „Ja klar, nur immer geradeaus! -ob unser Auto Allrad habe? Dann ist es kein Problem!“ Tja. Die folgenden Schlammlöcher und Matschpartien lassen uns immer wieder ans Umkehren denken… aber dann müssten wir ja wieder durch das durch, was wir mit viel Zittern (Chrigi) und fahrerischem Können (Kölbi) bereits geschafft haben! Vor lauter Aufregung vergesse ich sogar das Fotografieren, was Kölbi nachher natürlich schon ein wenig ärgert 🙁

Schliesslich wird es etwas steiler und steiniger und nach dem Wegsägen von hervorstehenden Ästen erreichen wir schlussendlich die Passhöhe. Hinten runter wird der Pfad immer breiter, bis wir erleichtert, aber happy im nächsten Dorf auf die Hauptstrasse einbiegen.

Über eine abenteuerliche Hängebrücke erreichen wir ein weiteres Seitental, wo wir am schönen Fluss einen Tag ausspannen wollen. Aber nicht nur Faulenzen, auch Wäsche waschen ist mal wieder angesagt! Wir sind ein gut eingespieltes Team inzwischen und schon bald flattern unsere Kleider frisch gewaschen im Wind… Die Gegend ist hier wunderschön, ich mache eine kleine Wanderung, wir baden im Fluss und geniessen die Sonne vor dem nächsten Gewitter. Abends haben wir Besuch von zwei Einheimischen, die auf ihrem alten Töff auf eine Flasche Vodka (=unser Feierabendbier) am Fluss vorbeischauen. Wir kommen ins „Gespräch“, irgendwie reden sie immer wieder von „produkty“, aber ich versuche ihnen klar zu machen, dass ich alles Nötige bei mir habe… mit wenig Erfolg, wie sich später herausstellt. Zum Wegfahren muss Kölbi ihnen aber erst noch die hinten auf dem Motorrad festgezurrte Autobatterie (!) überbrücken (die Töffbatterie fehlt) und dann knattern sie den steilen Hang hoch und davon. Nur um eine halbe Stunde später zu dritt (einer sitzt auf der Autobatterie!) wieder aufzukreuzen mit tiefgefrorenem Wildfleisch, frischem Brot, Gurken und selbstgemachtem Joghurt… für nur 9 SFr! Alles ist von guter Qualität, ausser dem Joghurt, das der „Boss“ mir eh schon mal zur Hälfte über die (frischgewaschenen!) Hosen verschüttet (er hat zwischenzeitlich wohl noch mehr Vodka intus)… 😉 So sind sie, die Russen! Wir fragen uns, wie er den steilen Hang zu dritt wohl schaffen wird in dem Zustand, aber kein Problem!

Etwas wehmütig fahren wir am nächsten Tag aus dem Altai heraus. Eigentlich wäre die mongolische Grenze nicht mehr weit gewesen… aber wir wollen ja noch zum Baykalsee! Dazwischen liegen über 1500 km sibirische Taiga! Und das Wetter wird immer schlechter, kälter, der Regen hängt sich richtig rein. So macht auch das Campieren nicht mehr richtig Spass! Wir folgen dem Transsibirischen Highway, zwischendurch immer wieder sehr schlecht zu fahren wegen Baustellen und Umleitungen. Öfter mal fragen wir uns, wie die schweren Trucks das schaffen bei diesem Matsch die Hügel hoch zu kommen… -und wohl erst im Winter?! An einer besonders steilen Passage stehen jedoch bereits die Bulldozer bereit, um steckengebliebene Laster hochzuziehen!

Nach ein paar Tagen eintöniger Fahrerei freut sich sogar Kölbi auf einen Tag in der Stadt und dank der Nässe bringe ich ihn sogar in ein Museum…! Das will was heissen 😉 ! Und trotzdem treffen wir immer wieder mal auf nette Leute, seien es Russen in Krasnoyarsk, die uns spontan zu einem unvergesslichen Abend in eine Jurte einladen; seien es Touristen, die mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs sind oder andere Überlandreisende, mit denen wir Infos tauschen können.

Nach 6 Tagen erreichen wir schliesslich Irkutsk, die Stadt am Baykal. Wir sind froh, dass diese doch recht langweilige Strecke nun hinter uns ist! Nach einem Besichtigungs- und Autoservicetag fahren wir zur Insel Olkhon hoch. In der Bucht vor der Fähre erblicken wir zwei deutsche Camperfahrzeuge und kurzentschlossen stellen wir uns zu ihnen und verbringen einen vergnüglichen Abend mit Geschichten rund ums Reisen.

Auf der Insel machen wir uns gemütliche Tage, fahren an die Nordspitze, wandern, bewundern die schamanistischen Stätten, sammeln Pilze, welche (dank dem Regen!) überall aus dem Boden spriessen. Die Sonne scheint wieder und am dritten Tag treffen wir sogar noch Adrian und Felix, die zwei Schweizer, die mit uns und Familie Sans durch China reisen werden. Wir suchen uns einen schönen Platz am Strand und verbringen zwei schöne und unterhaltsame Lagerfeuerabende. Das Reisen ist wieder schön und wunderbar! 🙂

Nach Irkutsk besuchen wir noch den Wasserfall und die heissen Quellen von Arshan. Hier an der Süd- und Ostseite des Baykalsees leben die Burjaten. Sie glauben an schamanistische Gesister und hängen dem tibetischen Buddhismus an. Überall stehen Stupas, es hat Klöster und Gebetsfahnen flattern an heiligen Stätten. Vieles erinnert uns an Tibet und gibt uns eine Vorahnung auf die Mongolei. Wir freuen uns endlich wieder südwärts reisen zu können und die letzten Tage in Russland vergehen wie im Fluge. Der Grenzübertritt geht problemlos, unsere fehlende Registrierung fällt auch keinem auf und am Mittag des 28. Augusts sind wir bereits auf mongolischem Boden unterwegs….

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